Die Materialschlacht auf der Insel

Die Speeddevils erweitern neben „Kopflos herumballern“ und „Wir haben überlebt“ ihre Inselstory mit dem Titel „Die Materialschlacht“, mit einer kleineren, aber hochkarätigen Besetzung:

Benny Clemens Robert
 Benny1  26  Rob1

 

Die Organisation verlief aufgrund der mehrjährigen Erfahrung reibungslos und unkompliziert. Die zwei Kilosupersportler fanden neben der dicken Nackten und 3 Garnituren Reifen auf dem üppig ausgefallenen Anhänger problemlos Platz. Im Innenraum sah es nicht anders aus, Kofferraum prall gefüllt, die Ledersitze dienten für den Einen als Arbeitsplatz hinter dem Steuer und für den Anderen als Schlafplatz. So führte uns der Weg zeitlich in der Früh über die österreichische und italienische Autobahn Richtung Fährenhafen von Livorno. Die gefühlten 48 Stunden Wartezeit, die sich in Wirklichkeit auf 10 Stunden beliefen, wurden durch Biertinken, mit Biker fachsimpeln, Fragen der verwunderten Tourenfahrer aufgrund der Vielzahl der Pneus beantworten: „Seid ihr Reifentester?“, „Wie lange bleibt ihr auf der Insel?“, „Was macht ihr mit soviel Reifen?“, totgeschlagen. Die Überfahrt mit der Fähre entpuppte sich aufgrund der vorangeschrittenen Müdigkeit als relativ kurz. In Olbia ausgeschifft, scherten die 550 Pferde am Anhänger mit den Hufen, was bei den Passagieren ebenfalls Unruhe auslöste. Nach 3 Stunden Fahrt auf der Schnellstraße mit abschließender Bergabpassage von Villagrande, erreichten wir unsere Herberge Tortolì, die wir jedes Jahr aufgrund der perfekten Lage und Ausstattung als Unterkunft nutzten. Dann musste alles schnell gehen, die Mopeds vom Anhänger laden, Auto ausräumen, denn der sardische Asphalt rief bei angenehmen 26°C und leichter Bewölkung nach Schräglage. In diesem Moment verging bei uns die Müdigkeit, der Hunger, der Stress und sonstige Gefühle und die Unterarme und Kniescheiben fingen zu jucken an. Zum ersten Kontakt mit dem wertvollsten Gut der Insel, dem roten Asphalt, durften unsere frisch aufgezogenen Bridgestone S20Evo und RS10 Richtung Ilbono kommen. Oben angekommen gab es geteilte Gefühle: Die Sardinien-erfahrenen Piloten Benny und Rob stiegen mit einem Grinsen vom linken bis zum rechten Ohrlappen und vollgedröhnt mit Endorphinen und Dopamin vom Rad, wobei unser Neuling, Clemens, mit einem Kopfschütteln und den Worten: „Ihr seids ja komplett krank!!“ seine Eranz abstellte. Die 210 km Tour führte ins innere der Insel (traumhafte Straßen, Kurven, etc muss ich nicht extra erwähnen). Im Appartement angekommen, lernten wir unsere Nachbarn eine nette Bikerpartie aus der Umgebung von Wr. Neustadt kennen.

Montag, 7. September

Früh krähte der Hahn auf Porto Frailis und die Brennkammern der insgesamt 3,3 l Hubraum wurden auf Temperatur gebracht, denn uns standen 299 km Linkskurven, 299 km Rechtskurven und 2 km Gerade bevor. Ich möchte hier nicht alle Kurven beschreiben, jedoch die absoluten Operierabschnitte der Tour:

  • Escaplano – Goni (langgezogene Kurven, breite Straße, wenige Höhenmeter, ein wenig Verkehr)
  • Domus de Maria – Teulada (sehr enge Kurven, schmale Straße, hügelig)
  • Nuxis – Siliqua (übersichtliche teils schnelle Kurven, viel Grip und Flankenstress)
  • Iglesias – Guspini (abartige Kurven, mit Passfeeling und Passagen mit Reifenzerstörungspotential, breite Straße und viele Höhenmeter)
  • Lanconi – Gadoni (Schräglagen der Extraklasse mit Panoramablick)

Dienstag, 8. September

Es stand eine Regenerationstour mit 340 km am Programm. Locker lässig bewältigten wir den Hausberg (Baunei – Dorgali). Die Passagiere der Autos die wir bergauf mit einem kurzen aber kräftigen Handgelenkzucken in unseren Rückspiegeln verschwinden ließen, zeigten uns bei unserer wohlverdienten Rauchpause auf der Passhöhe, den Vogel und schwenkten die offene Hand vor ihren Gesichtern, als wenn sie uns deuten wollten, dass wir vollkommen gestört sind. Dann ging es ein wenig im Flachland auf Kurvenjagd bis nach Nuoro und über einige Umwege und das zentrale Gebirge zurück nach Tortolì. Die abartigsten Strecken der Tour:

  • Baunei – Dorgali (die Standard Heizerstrecke auf Sardinien)
  • Gavoi – Tonara (hier kühlen die Reifenmitten komplett aus)

Als die schwarze Luft einbrach, tauschten wir Schlafmütze gegen Vollvisierhelm, Pyjama gegen Lederkombi und statt Schäfchenzählen ließen wir lieber die Titanstifte funken. Vergleichbar mit den japanischen Kamikaze Fliegern jagten wir bei Sichtweiten zwischen 5 und 10 m, unsere Pferde nach Ilbono um noch ein paar schöne Bilder einzufangen.

Mittwoch, 9. September

Gewitter, Regen, Wind, Nässe, Donner, Blitz, Kälte…Eigenschaften die ein Biker nicht hören will. Deshalb beschäftigten wir uns anderwärtig und alles stressfrei. Die Eranz kochte uns ein Mittagessen, dann machten wir uns im zweispurigen Gefährt auf dem Weg nach Ulassai zur Su Marmori Grotte. Der Tag war eine nette Abwechslung zum Zeittotschlagen.

Donnerstag, 10. September

550km standen auf dem Plan mit Ziel Bosa – Alghero. Nach Fonni bzw. Tiana, hats unseren Benny nicht mehr gefreut und er lehnte seine Eranz mit 110km/h nach einem Rutscher und einem Highsider gegen die Leitplanke. Einiges an Material ging zu Brüche doch Gottseidank nur Material. Als Sozius ging es für ihn Richtung Tortolì, Auto und Hänger holen. Am Weg zur Unfallstelle hatten wir genug Zeit Brainstorming zu betreiben wie wir das Gefährt wieder fahrbereit kriegen. In Lanusei half uns ein italienischer Mopedtandler beim Geweihschweißen – finde auf die Schnelle irgendwen der Aluschweißen kann. In einer Engstelle auf dem Anhänger stand die Leiche und wir schraubten wie die Bösen – für italienische Verhältnisse ganz normal. Nachdem die gröbsten Plessuren verarztet wurden, sprich Geweih geschweißt, abgerissene Heckrahmenschrauben erneuert,… wurde der Feinschliff beim Apartment erledigt. Ein lehrreicher Tag der zum Glück glimpflich ausgegangen ist, doch dabei bewies, welche Hilfsbereitschaft die Italiener aufweisen, denn in Österreich wäre die Eranz niemals so schnell wieder betriebsbereit gewesen. GRAZIE!!!

Freitag, 11. September

Selbe Tour, selbe Belegschaft, selbes Material (vielleicht bei einem oder anderem in einer abgespeckten Variante in Form von durchgeschliffenen, abgebrochenen, verbogenen Teilen) – ging es zeitlich in der Früh los. Ein technischer Stopp musste noch eingelegt werden um die verletzte Japanerin ein wenig zu verarzten, aber danach konnte uns nichts mehr im Weg stehen. Im selben Tempo, möglicherweise ein wenig feinfühliger am Kabel aufgrund der Geschehnisse vom Vortag, arbeiteten wir uns den Weg Richtung Bosa vor. Die 42 km Küstenstraße mit teilweise mehreren hundert Metern Steilwände und (rau – rauer – ) sardischen Asphalt, der nicht nur Reifenflanken in besorgniserregenden Temperaturbereiche versetzte, auch das Holz der Weißbuche samt Titan ordentlich abknabberte, wurde als Spielplatz für kleine Buben auf flinken Eisen genutzt. Nach Alghero ging es über die SS 292 Richtung Osten, wobei uns einige schöne Etappen bei Laune hielten. Bono, Budduso, Bitti kredenzten uns ihre schwungvollen Bergstraßen. In der Abenddämmerung erreichten wir Dorgali, damit wir bei absoluter Finsternis den Pass überqueren durften und ein paar Kometenstreifen in den Kurven aufblitzen ließen, rein nach dem Motto „Don’t try this at home“

Empfehlenswerte Streckenabschnitte:

  • Fonni – Tonara (falls ich es noch nicht erwähnte)
  • Bosa – Alghero (man müsste die Strecke 3 mal fahren – 1. zügig am Gas hängend 2. gemütlich die Gegend anschauend 3. im Racingmodus)
  • Alghero – Monteleone (teils eng und verwinkelt, teils langgezogene Highspeedkurven)
  • Bono – Budduso – Bitti (netter Kurvenflair mit Safaricharakteristik aufgrund der freilaufenden Tiere)
  • Dorgali – Baunei (…eh schon wissen…)

Samstag, 12. September

„A klane Runde foa ma heit nu“ – nebenbei die Nachbarn in Aufbruchstimmung – schwangen wir uns auf die Räder um Talana zu erkunden. Die Ortschaft liegt eigentlich direkt vor der Haustür, aber die Zufahrt ist so unscheinbar, dass wir sie nie „ernst“ genommen haben. Die Strecke entpuppte sich als ziemlich kurvenfreundlich. Weiter oben nach Talana wurde die Fahrt zu einer Safaritour. Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine und deren Exkremente zwangen uns die Geschwindigkeit ein wenig zu reduzieren, was uns nicht wirklich störte, denn uns allen war bewusst, unser Endspurt und somit Hauptaugenmerk galt Ilbono-Tortoli.

Danach kam der traurige Part unseres – Unwissende würden es „stressiger Urlaub“ bezeichnen…ich nenne es „Stressabbauende Hochleistungssportwoche mit Materialschlachtcharakteristik“ – Hänger laden, Sachen packen und 4 mal unendlich lang wehmütig auf der rechten Spur der Autobahnen Richtung Heimat gurken.

Fazit: Wir absolvierten 2200km einspurig und 2800km zweispurig – klingt ein wenig traurig, aber durch die lange An/Abreise, Regentag und dem Hoppala nicht zu vermeiden – verfärbten durch insgesamt 750l verbranntem Sprit die Gegend ein wenig grauer, hinterließen 6 Garnituren Reifen in den Kurven in Form von Gummiabrieb, einige Kubikzentimeter Weißbuche, Sturzpadabrieb, Verkleidungsteile, Aluminiumspähne der Fussrasten und Schalthebel, etc etc….Alles egal, Hauptsache: GEIL WARS!!!

 

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