Im Zuge einer Clubsitzung im Frühjahr, in welcher wir uns alle geplagt vom langen Winter nach Kurven und Asphalt sehnten, schmiedeten Robert und ich den Plan, wiedermal auf eine Tour zu fahren. Im oben angeführten Gemütszustand waren natürlich so einige Mitglieder voller Euphorie und Begeisterung. Da die österreichischen Straßen jedoch so spannend sind wie ORF2 am Nachmittag und zudem beinahe jeder schöne Kilometer österreichischer Asphalt bereits unseren Gummiabrieb erhalten hat, fiel die Entscheidung schnell, wieder ins Ausland zu fahren. Aus dem Grund haben sich unser „Ober-Touren-Guru“, alias Robert und ich bei ein paar Bier am Abend zusammengesetzt und eine kleine Runde geplant. Nach 7 Stunden und einigen mehr Bierchen war die Tour fertig. Ein Meisterwerk!

Voller Enthusiasmus haben wird die Tour im Zuge der nächsten Clubsitzung den Anderen vorgestellt. Als sie jedoch erfahren haben, dass wir geplant haben auf knapp 5800 km von Krems an der Donau über die Dolomiten und die Pyrenäen bis nach Donostia San Sebastian zu fahren, waren wir plötzlich die einzigen Interessenten für diesen Roadtrip.

Doch Robert und ich ließen uns nicht von unserem Plan abbringen. Wir fixierten einen Termin, überlegten uns wie in aller Welt wir Kleidung, Werkzeug, Elektronik und Co. für 12 Tage auf eine Suzuki B-King und eine CBR1000RR Fireblade schnallen sollen und lechzten dem Abfahrtsdatum entgegen.

Am 18.06.2018 ging es dann endlich mit Tag 1 los. Ausgangspunkt war die Shell Tankstelle in Stein an der Donau. Nach dem dortigen Eintreffen, voll bepackt, voller Vorfreude und abfahrtsbereit folgte sogleich die erste Ernüchterung: Noch nicht einmal unterwegs und schon die erste technische Panne. Der nigelnagelneue Conti Roadattack3, den wir extra für die lange Tour aufgezogen hatten, hat am Vorderreifen meiner Blade die Form einer Wasserbombe eingenommen (0,5 Bar Druck). Es handelte sich jedoch nur um ein lockeres Ventilinnenleben. Das Problem konnte Vorort schnell behoben werden und dann konnte es endlich losgehen. Über bekannte zügige Strecken ging es Richtung Gesäuse. Ziel der ersten Kilometer war einfach nur weg von Daheim, weg aus Niederösterreich, weg aus Österreich. Im Nationalpark und darauffolgend zwischen Admont und Trieben erwarteten uns die ersten richtig feinen Stücke, jedoch waren wir beide mit den Köpfen schon im Ausland. Weiter über zügige Strecken nach Lienz und hinein in die Dolomiten. Die Grenze passiert, und feinsten italienischen Asphalt unter den Reifen, konnte die Tour so richtig beginnen. Über die SS49 ging es nicht ganz reifenschonend bis nach Bruneck und dann weiter über die SS243 nach Canazei, wo wir eigentlich nächtigen wollten. Jedoch voller Energie vom ersten Tag, beschlossen wir noch ein paar Meter dranzuhängen. Weiter nach Gablöss wo wir die knapp 550 gefahrenen Kilometer doch schon ordentlich spürten, ging es auf der pervers-geilen SS612 nach Trient. Die Müdigkeit war wie weggeblasen, die Holzknieschleifer rauchten und die Euphorie hob sich auf Orgasmusniveau. In der Nähe von Lardaro beim Idrosee war dann aber endgültig Schluss für die erste Etappe – 670km mussten für den ersten Tag reichen!

Am 2. Tag starteten wir vom Idrosee über ein ganz passables Waldgebiet weiter Richtung Süden. Dort erwartete uns leider das unvermeidbare Flachland bei Brescia, Cremona und Piacenza. Etliche Kilometer geradeaus, lediglich unterbrochen von dutzenden Kreisverkehren und das bei 35 Grad Außentemperatur im Schatten – von den gefühlten 135 Grad in der Sonne will ich jetzt gar nicht schreiben – absolvierten wir mit einem faden Guck hinter den Visieren unserer Helme. Wir waren schon der Verzweiflung nahe, als wir auf die SS45 nach Bobbio kamen. Plötzlich wandelte sich die Ebene in ein gebirgiges Tal, die kilometerlangen Geraden in traumhaft rhythmische Kurven und der von LKWs und Hitze ausgelutschte Asphalt in 50er Schleifpapier. Wie man in Italien sagen würde: Bellissimo! So ging es dann mit viel Schräglage weiter bis Laccio wo die Straßen dann jedoch allmählich enger und enger wurden. Wir arbeiteten uns in Folge über kleine Wege mit hohem „Sight-Seeing-Faktor“ bis nach Campo Ligure. Nun mussten wir nur noch ein paar Kilometer ligurische Küste bis zu unserem Ziel Pietra Ligure bezwingen. Dort angekommen, kaputt und ausgelaugt von der italienischen, fahrzeugüberfluteten Küstenstraße und weiteren fast 560 Kilometern, war unser erster Weg direkt ins Mittelmeer.

Nach mehr oder weniger erholsamem Schlaf, führte die Route des 3. Tages weiter Richtung Frankreich. Von Meeresniveau aus schraubten wir uns direkt hoch in die italienischen Hügel, Richtung Borgo San Dalmazzo, wo die Straßen jedoch – deutlich vom Winter gezeichnet – unsere Reisegeschwindigkeit besorgniserregend verlangsamten. Dies sollte allerdings nicht lange währen, denn kurz darauf ging es auf der SS21 zügig bis an die französische Grenze. Dort angekommen konnten wir unseren Augen nicht trauen: Sämtliche Straßen nigelnagelneu, in perfektem Zustand und rau wie am Ring. Wir folgten voller Freude diesem französischen Traum auf der D900 und später D942 und dachten es geht nicht mehr besser, bis wir Serres erreichten. Ein kleiner Ort am Rande eines Nationalparks, ganz unscheinbar, vergleichbar mit einer grauen Raupe aus der sich ein wunderschöner Schmetterling entfaltet. Was uns auf der Strecke von Serres nach Nyons erwartete, war zu diesem Zeitpunkt nicht anders als „Porno“ zu bezeichnen. Dieses traumhafte Tal sollte jedoch auch den Anfang einer Ebene einleiten. Wie bereits in Italien folgten viele Kilometer Geradeausfahrt mit Kreisverkehrunterbrechungen bis nach Saint-Hippolyte du Fort. Dort kamen wir auf die D999 und waren wieder in dem Frankreich, welches wir erst so kurz davor kennen und lieben lernen durften. Schöne Kurven führten uns auf der D999 bis an unser Ziel, das mitten im Nationalpark gelegene, Bez-et-Esparon. Nach einem abendlichen Bad mit einem Lama (Ja die liegen dort einfach so am örtlichen Bach herum), sowie einem unbeschreiblichen 5-Gänge Menü unseres Gastgebers verabschiedeten wir uns in den wohlverdienten Schlaf, in unserem liebevoll und modern eingerichteten Zimmer.

Fit und voller Energie starteten wir am 4. Tag auf der D999 weiter Richtung Westen. Vom B&B weg einfach nur der Hammer – so perfekt, dass die „Morgenlatte“ eine neue Bedeutung bekam. Die Route führte uns von der D999 dann weiter über die D35 und die D908, welche zwar nicht mit der D999 mithalten konnten, aber definitiv als feine Strecken durchgehen, nach Saint-Chinian. Von dort an mussten wir uns über das Flachland nahe Narbonne bis nach Montseret kämpfen, wo auf der D611 die Party wieder so richtig begann. Bis Millas war zu unserer Freude nun heizen angesagt. Dort wechselten wir dann aber auf die N116, eine breite Hauptverkehrsverbindung welche unserer maßlosen Euphorie allerdings einen dezenten Dämpfer verpasste. Doch nicht lange und die Route führte uns über die D618 wieder in kurvenfreundlichere Gebiete weiter bis nach Dorres, kurz vor der spanischen Grenze. Wir hatten unser Ziel vor Augen, die Ausläufer der Pyrenäen. Wir wechselten auf die N20 Richtung Andorra, im Gedanken gerade den größten Fehler überhaupt zu machen und von der Traumstraße auf eine weitere Hauptverkehrsverbindung zu fahren, doch wir sollten nicht enttäuscht werden. Nie N20, welche kurz nach der Ortschaft Porta zur N320 wird, sollte nämlich eines der abartigsten Stücke überhaupt werden. 3-spurige Fahrbahn, perfekter Untergrund und Kurven wie nicht einmal Leonardo Da Vinci sie hätte besser zeichnen können führten uns immer höher in Richtung der andorranischen Grenze. Wir mussten kurz stehenbleiben und Innehalten. Endlich waren wir angekommen. Die Pyrenäen begrüßten uns auf beeindruckende Art und Weise. Wir schraubten uns hoch bis an die Grenze, weiter über den rund 2400 Meter hohen Pas de la Casa durch ganz Andorra, bis hinunter an die spanische Grenze. Auf dem ungewohnten Terrain – spanischen Asphalt haben unsere Mopeds noch nie gesehen- ging es Richtung Süden bis nach Adrall wo wir die Nacht in einem urigen spanischen Dorf verbrachten.

An Tag 5 führte uns die Route gleich in der Früh über die N260 nach Sort. „Führte“ ist so salopp ausgedrückt, besser „die N260 schwang uns nach Sort“ und dann weiter nach La Pobla de Segur. Wir konnten unseren Augen kaum trauen, als wir diese Pässe und diese Straßen sahen. Besser ging es einfach nicht mehr. Zwar schaffte die durstige B-King von Robert das ein oder andere Sorgenfältchen in den Winkeln unserer vor Freude weinenden Sinnesorgane, wenn mal wieder keine Tanke in Reichweite war, aber auch das konnte die Euphorie nicht eindämmen. Diese abartige Straße führte uns immer weiter über El Pont de Suert und Campo bis nach Fiscal, Broto und weiter nach Jaca. Es schien gar nicht mehr aufzuhören. Als wir jedoch in weiterer Folge über feinstes Gebirge nördlich bis nach Frankreich gelangten, erwartete uns ab Oloron-Sainte-Marie eine Ebene, welche eine von Hitze geplagte Tortur einleitete, die bis an unser Ziel Donostia San Sebastian anhalten sollte. Altbekannte kilometerlange Geraden führten uns durch die unendlich scheinende südfranzösische Pampa. Das etwa 50 Kilometer vor San Sebastian beginnende Hügelland – die westlichen Ausläufer der Pyrenäen – konnte unsere Stimmung nach dieser langen Etappe nur leicht heben, zumal der Bodenbelag nicht gerade dem entsprach, was wir von Spanien und Frankreich bisher gewohnt waren. Am Zwischenziel angekommen, körperlich und geistig ziemlich fertig mit der Welt, mit Handgelenksschmerzen, leicht eintretendem Meningismus, Taubheitsgefühl in der Gashand, Tromboseanzeichen in den Beinen, Heiserkeitssyndromen vom Fluchen unter dem Helm und Verkürzungserscheinungen im Bereich der Schulter gönnten wir uns einen Tag Auszeit.

Nach der Auszeit an Tag 6, den wir am überfüllten Strand von San Sebastian verbrachten, widerliches Essen zu Wucherpreisen verspeisten und zudem einen Strafzettel für „Falschparken“ erhielten, zog es uns wieder in die Berge, die die oben genannten Wehwehchen, durch „Schräglagen-Knieschleif-Dopaminausschüttungen“ kurieren sollten.

Wir starteten an Tag 7 von San Sebastian über ein paar spanische Dörfer Richtung Süden und arbeiteten uns dann bei extrem anstrengenden Licht-Schattenverhältnissen durch die Wälder auf der NA170 nach Nordwesten nach Elizondo, wo uns immer wieder richtig feine Kurven unter die Räder kamen. Weiter Richtung Norden wieder über die französische Grenze wussten wir jedoch schon was uns erwarten würde. Die gute alte Französische Pampa. Über Pau und Lourdes führten uns diese Straßen weiter bis nach Aragnouet in den französischen Pyrenäen. Unsere Nerven waren von dem französischen Flachland am Ende. Da kam der Gletschersee unmittelbar vor dem Tunnel d’Aragnouet genau richtig. Raus aus der Kombi rein in den See. Nach dem Bad bei 10°C bis 13°C Wassertemperatur(leider fehlte ein Thermometer in unserer Packliste) fühlten wir uns wie neu geboren und fit zum Angreifen. Über den besagten Tunnel ging es dann zurück nach Spanien, wo wir plötzlich wieder im Schlaraffenland der Kurvenfetischisten und Asphaltkörnungsanbeter waren, unserer neuen 2. Heimat, den spanischen Pyrenäen. Jenseits von Gut und Böse heizten wir die orgasmusartigen Kurven der A138 und später N260, in allen möglichen Schräglagen und Drosselklappenstellungen bis nach Aneto, wo wir kurz überlegten eine Nacht im Freien zu verbringen, uns dann aber aufgrund der 11 Grad Außentemperatur auf 1600 Metern um 19:00 Uhr, doch für ein B&B entschieden haben. Eine richtig feine „Pension“ mit einem sehr guten Menü extra für uns zubereitet von der Mama des Hauses, schenkte uns ein Dach über dem Kopf.

An Tag 8 mussten wir endgültig Abschied nehmen von Spanien, denn unsere Route führte uns weiter Richtung Norden wieder nach Frankreich. Wir starteten auf der N230 bis an die französische Grenze und dann weiter auf der D44 und D618 sowie der D117 durch den Parc naturel des pyrenees ariegeoises bis nach Montgaillard. Die Strecke war der landschaftliche Hammer. Auf uns warteten viele Kurven, verteilt auf einige Pässe, welche wir uns in der Heimat nicht mal erträumen konnten. Nach Montgaillard mussten wir in Richtung Norden einige größere Städte wie Carcassonne und Castres passieren, bevor wir auf ein für uns bis dato noch unbekanntes Teilstück der D999 (die hatten wir ja bereits am Hinweg ins Herz geschlossen) kamen, wo die Titanstifte unsere Holzknieschleifen wieder ordentlich Bodenkontakt halten durften. Durch die vorangegangenen Kilometer, die langen Etappen und die auslaugende Hitze trieb die Kurvenhatz unser Bedürfnis nach kühlem Nass wiedermal ins Unermessliche. In Mill gönnten wir uns eine Erfrischung in der, betreffend Sauberkeit und Temperatur akzeptablen Tarn, bevor wir unser nicht mehr weit entferntes Ziel, Saint-Leons ansteuerten.

Ausgeruht – so gut als möglich nach 8 Tagen – und gestärkt ging es an Tag 9 gleich von Beginn an mit richtig Druck weiter Richtung Norden. Mangels Asphalt- und Reifentemperatur waren die ersten Kurven mit deutlich >100 Km/h und maximal vertretbarer Schräglage zwar eine Art Eiertanz, aber angesichts dieser Strecke waren wir gleich wieder voller Vorfreunde auf die anstehende Etappe. Die Pneus angeheizt ging es über die D32, von uns als besserer Kuhweg eingeschätzt – in Wahrheit jedoch ein Stück Asphaltpornografie mit Starbesetzung und Oscarnominierung, auf die N88. Von Mende weg erwartete uns eine Strecke, die mit Worten nicht zu beschreiben war. Ich versuche es mal: In bilderbuchartiger Streckenführung, Asphaltkörnung vergleichbar mit dem Bohrkopf des Tunnelbohrers durch das Gotthardmassiv, den nichtvorhandenen Fahrbahnunebenheiten ähnlich dem faltenlosen Po eines Säuglings, und ihrer unfassbaren Breite, schlängelte sich die N88 immer weiter in die Höhe bis nach Pradells. Wir fühlten uns wie am Ring und hatten nur noch einen Gegner – die französische Geschwindigkeitsüberwachung. Mit einer Art Chamäleonblick – einem Auge auf der Fahrbahn und einem am Straßenrand immer auf Ausschau nach der Rennleitung bzw. ihren technischen Hilfsmitteln – ging es auf der N102 nach Pradells, welche uns weiter bis nach Aubenas nicht minder fruchtig stimmte. Wir hatten gerade ein weiteres absolutes Highlight unserer Tour hinter uns gebracht. Nach ein paar mühsamen Kilometern Richtung Montelimar, fuhren wir noch einmal auf der traumhaften, weiter oben bereits geschilderten D94 von Nyons nach Serres – dringender Wiederholungsbedarf war vorhanden. Auch in die entgegengesetzte Richtung enttäuschte uns diese Operierstrecke nicht und wurde definitiv in die Tourenhighlights aufgenommen. Nach einem kurzen Erfrischungsbad in der Buech führte uns die Tour auf der D1075 weiter nach Grenoble. Zu Beginn in gewohnter Knieschleifmanier in Symbiose mit vielen eleganten Überholmanövern (das Verkehrsaufkommen nahm leider stetig zu) entwickelte sich die Strecke jedoch nach und nach zu mehr und mehr Geraden welche mit akribischer Radarüberwachung spaßentschärft wurden. Bis nach Albertville sollte sich dieser Zustand nicht mehr ändern, als uns bei Moutiers auf der N90 nochmal ein paar abendliche Gustokurven überraschten und zu unserem Ziel, Hauteluce, führten.

Tag 10 führte uns gleich früh morgens über die steilen Pässe der Baufortaine mit ihren einzigartigen Naturspektakeln, in knackige Höhen. Am Fuße des Mont Blanc ging es es weiter über den kleinen Sankt Bernhardpass bis nach Aosta, Italien, von wo aus wir uns auf der SS27 in Richtung Norden, über den Großen Sankt Bernhardpass (italienische Seite ziemlich geil, schweizer Seite langweilig) Richtung Schweiz arbeiteten. Die bis zu diesem Zeitpunkt wirklich perfekte Routenplanung, bereuten wir spätestens als wir in der Schweiz bei Tempo 80 auf schnurgeraden Freilandstraßen, bei massigem Verkehrsaufkommen, herumtuckerten. Als wir beide kurz vorm „vom Moped fallen“ waren beschlossen wir die Route kurzerhand abzuändern und über das Rhonetal und den Simplonpass wieder Richtung Italien, Lago Maggiore zu fahren. Wir kämpfen uns bis an die italienische Grenze, wo es endlich wieder hieß, „rechts drehen und Sturm ernten“ Mit Volldampf und einem weiteren Bad in einem frischen Gebirgsbach – Fiume Toce – gings auf der SS337 an unser Ziel Santa Maria Maggiore.

Am vorletzten Tag, dem 11. Tag, stand uns nochmal eine Mega-Etappe bevor. Gut gefrühstückt warfen wir uns daher bereits zeitig auf den Bock und begannen mit der heutigen Tagesarbeit – Pässe fressen. Ganze 8 davon sollten uns auf rund 550 Kilometern bevorstehen. Die Route führte uns zurück in die ungeliebte, jedoch unvermeidbare Schweiz. Über den San Bernardinopass mit seinen langgezogenen Kurven und den Splügenpass, kamen wir wieder nach Italien. Die Bergabpassage des Splügenpasses auf italienischer Seite entpuppte sich durch die waghalsige und in Steile kaum zu überbietende Straßenführung als sehr beeindruckend. Ein paar Meter in Italien abgespult ging es abermals in die Schweiz. Hoch über den Malojapass nach St. Moritz und weiter nach Zernez. Von dort aus führte uns unsere Route im leichten Nieselregen nach Osten in den Svizzer Nationalpark. Um dem ungemütlichen Nass mit eingeschränktem Spaßfaktor was den Reibwert zwischen den Pneus und dem schweizer Asphalt anbelangte, zu entfliehen, nahmen wir den einspurigen, überteuerten Tunnel durch den Munt la Schera nach Süden zum Stausee Lago di Livigno und dann später zur gleichnamigen Ortschaft. Gut gepokert, die Straßen waren hinter dem durchfahrenen Berg trocken und unsere zusammengenähten ehemaligen Kuhhäute durften auch wieder trocknen. Von dort aus hieß es „High-Speed-Pass-Heizen“ über den Foscagnopass. Der Pass entpuppte sich durch seine lieblose Streckenführung zwar nicht gerade als Highlight des Tages, aber besser als die Ebene in der französischen Pampa und das „Durch-den-Regen-Bummeln“ am schweizer Hochplateau. In Bormio angekommen, bogen wir nach Norden zu den Pforten des Stilfserjochs ab. Der 2757m hohe Pass gehört meiner Meinung nach zur gleichen Kategorie wie der Großglockner: „Man muss ihn als Biker gesehen haben, aber nochmal würde ich ihn nicht freiwillig fahren wollen“. Grund für diese eigentlich negative Bewertung ist: eng, viel zu viel Verkehr, inkl. Radfahrer+Wohnmobil+Kleintransporter, nur Kehren und somit wenig Heizpotential. Aber nun zurück zum Thema – das Stilfserjoch mussten wir dann bei abermals leicht einsetzendem Regen aus dem Hochnebel, überqueren. Der höchste Punkt des Passes versank bei 5 Grad im angeführten Hochnebel. Bergab führten uns die rund 60 Kehren(gefühlte 1000) bis Prad am Stilfserjoch. Nun waren wir endgültig fertig. Knapp 400 Kilometer und 6 Pässe, sowie insgesamt fast 5500 Kilometer in 10 Tagen, hinter uns, hatten wir noch 150 Kilometer bis an unser Ziel, Bruneck. Die Devise lautete „rechts Gas“. Abermals jenseits von Gut und Böse und abseits der Italienischen STVO Vorschriften, machten wir mächtig Meter durch die Apfelanbaugebiete von Bozen und Meran. Vollkommen am Ende passierten wir gegen halb neun den abartig geilen Jaufenpass und kamen im Wachkomazustand in Bruneck an.

Nun hatten wir die letzte Etappe erreicht. Den 12. Tag. Gleich von Beginn an ging es über feine italienische Straßen bis zum Stallersattel, welcher uns zurück in die Heimat, nach Österreich führte. Der gewohnte, ausgelutschte Asphalt und zudem hereinstehender Regen nahmen uns in Empfang. Einige akzeptable Meter später, kurz vor Lienz, war es dann vorbei mit unserem fast perfekten 11-tägigen Wetterglück. Wir warfen uns in die Regenkluft und mussten die Route adaptieren, da 550 Kilometer kurvige Bundesstraße bei Starkregen, nach der Vielzahl von fruchtigen Strecken, die wir in den letzten Tagen bei Traumwetter genießen durften, psychisch nicht verkraftbar gewesen wären. Leider Gottes war der einzige Ausweg die ungeliebte Autobahn. Auf der A10 hieß es dann Kilometerfressen bis nach Salzburg und dann auf der A1 weiter Richtung Osten. Da sich das Wetter besserte und wir die Bahn verabscheuen, verließen wir kurz vor Linz die A1 und setzten die letzte Etappe über unspektakuläre ober- und niederösterreichische Freilandstraßen bis nach Krems an der Donau fort.

Wir hatten unser Ziel erreicht und aufgrund einiger spontaner Umplanungen der ursprünglichen Route, tatsächlich die 6000 Kilometer Marke geknackt. Total fertig und heilfroh wieder daheim zu sein sehnten wir uns perverser Weise doch schon wieder nach den italienischen, französischen und spanischen Straßen die uns die letzten 2 Wochen in Bann gezogen hatten. Ohne einen einzigen technischen Defekt und mit großem Lob an Conti für den Road Attack 3, welcher uns sowohl betreffend Grip als auch Laufleitung extrem positiv überrascht hat, beendeten wir unsere Tour mit dem Wissen, dass uns die Pyrenäen wohl nicht das letzte Mal gesehen haben.